der entschlossene Gehorsam des Steuermanns und zuletzt sein Tod in den Flammen. Noch beweiskräftiger aber ist, daß selbst die zwei Hauptpunkte, in denen die Erzählung von dem wirklichen Ereignis abweicht, offenbar indirekt aus Berichten über den Untergang der „Erie“ abgeleitet sind: der Name des Helden und der glückliche Ausgang.

Was die Namensänderung betrifft, so befand sich laut den Zeitungsmitteilungen unter den Mitgliedern der Untersuchungskommission ein gewisser Robert H. Maynard, ein offenbar angesehener Bürger von Buffalo, der während des vorhergehenden Jahres dem Aufsichtskomitee des städtischen Waisenhauses angehört hatte. Man darf annehmen, daß der Name Maynard bewußt oder unbewußt aus dem offiziellen Bericht entlehnt ist; er ist nicht so häufig, daß eine zufällige Übereinstimmung wahrscheinlich wäre.

Die Verwandlung des unglücklichen Ausgangs in einen glücklichen ist vermutlich von einem anonymen, 1842 erschienenen Buch über Dampfschiffs und Eisenbahnunfälle in den Vereinigten Staaten angeregt worden.10 In diesem sensationellen Werk ist der Untergang der „Erie“ ausführlich dargestellt, und zwar ohne Nennung Fullers; unmittelbar davor steht ein Bericht über einen Schiffsbrand auf dem Champlain-See im Jahre 1819, „bei welchem“ (so heißt es in der Überschrift) „dank der Besonnenheit und Fassung des Kapitäns nicht eine einzige Seele umkam.“

Offenbar hat der Verfasser von „The Helmsman of Lake Erie“ also Berichte über den weitbekannten Brand als Vorlage benutzt und nach Belieben umgearbeitet oder mit anderem, naheliegendem Material verquickt. Die Geschichte Maynards ist demnach keine volkstümliche, erst später von einem Literaten aufgezeichnete Lokalsage, wie mehrfach willkürlich behauptet worden ist, sondern von vornherein ein literarischjournalistisches Produkt. Sie kann nicht einmal an Ort und Stelle entstanden sein, denn der Hafen von Buffalo ist, wie der Redakteur in seinem Vorwort bemerkt, falsch dargestellt: als Reede, auf der Schiffe vor Anker liegen. Buffalo hatte damals in Wirklichkeit schon ansehnliche Kaianlagen für die Landung von Schiffen jeder Größe.

Wie öfters bemerkt worden ist, scheint die Erzählung nicht aus einer amerikanischen, sondern eher aus einer englischen Feder zu stammen. Der Verfasser gebraucht verschiedene britische Ausdrücke (z. B. waistcoat für „Weste“, wo ein Amerikaner damals wie heute vest gesagt hätte). Ferner erklärt er am Anfang, wie man sich den Eriesee vorzustellen hat („einer der berühmten meerähnlichen Binnenseen Amerikas“), was für amerikanische Leser unnötig gewesen wäre. Auf englische Herkunft deutet auch, daß die Redaktion des Commercial Advertiser anscheinend gar nicht gewußt hat, wer der Autor war. Vermutlich ist die Erzählung zuerst irgendwo in England erschienen und in Buffalo ohne Erlaubnis abgedruckt worden; derartige unautorisierte Nachdrucke waren damals allgemein üblich, da britische Veröffentlichungen bis 1891 in den Vereinigten Staaten unter keinerlei Urheberrechtsschutz standen.

Wer der Verfasser war, geht aus dieser Erklärung leider nicht hervor. Daß es Charles Dickens gewesen sein sollte, wie gelegentlich vermutet worden ist, ist sicher falsch — und zwar nicht nur, weil Stil und Darstellung weit unter dessen Niveau stehen. Wenn das Stück ursprünglich unter Dickens’ Namen erschienen wäre, hätte die Zeitung in Buffalo ihn zweifellos als große Attraktion genannt. (Bei seiner Amerikareise im Jahre 1842 klagte der damals schon weltberühmte Schriftsteller bitter

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