Zuchthausstrafe wegen Falschmünzerei abgesessen und in vorgerückten Jahren ein wenig erbauliches Ende gefunden haben.

Blilas Aussagen fanden Glauben, weil er Vorstandsmitglied eines historischpatriotischen Vereins war, weil er als junger Mensch im Gasthause seines Vaters Fuller gekannt haben wollte, und besonders weil er angab, er hätte die unselige letzte Fahrt der „Erie“ als dreizehnjähriger Schiffsjunge mitgemacht. Die Behauptungen über Fullers späteres Leben sind daher in Zeitschriften und Zeitungsartikeln immer wieder nachgedruckt worden 9. Sie entbehren jedoch jeder Glaubwürdigkeit, denn Blila erweist sich bei näherer Untersuchung als ein höchst fragwürdiger Zeuge.

Zunächst ist es vermutlich nicht wahr, daß er den Schiffsbrand miterlebt hat. Bei anderer Gelegenheit hat er ausführlich erzählt, er wäre von McBride aus dem Feuer und mit ihm zusammen von der „De Witt Clinton“ aus dem Wasser gerettet worden, doch steht sein Name im Gegensatz zu dem McBrides nicht auf der Rettungsliste der „Clinton“. Vor allem aber lassen Blilas Äußerungen keinen Zweifel aufkommen, daß er Fuller mit dessen Kollegen James Lafferty verwechselt hat. Er beschreibt den angeblichen alten Fuller als bettelnden Säufer in Erie, bemerkt, er wäre 87 Jahre alt geworden, und berichtet von seinem Tod im Kreisarmenhaus am 22. November 1900 — alles Umstände, die nachweisbar auf Lafferty zutreffen. Fullers „falscher Name“ endlich soll James Rafferty gelautet haben!

Wie hart man Blila für die üble Nachrede auf Fuller tadeln darf, ist schwer zu ermessen. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß Blila, wie mancher andere, ein scheinbar harmloses Vergnügen daran fand, Seemannsgeschichten lügenhaft zu verstellen. Andererseits mag er 1912, als die unglückliche Legende auftauchte, infolge hohen Alters in seinen Erinnerungen verwirrt gewesen sein. Jedenfalls ist es aber Zeit, Luther Fullers guten Ruf wiederherzustellen. Wenn der Steuermann der „Erie“ auch nicht wie John Maynard „das Ufer gewann“, so hielt er doch wie dieser „in Qualm und Brand . . . das Steuer fest in der Hand“ und starb in der Absicht, seine Mitfahrer zu retten.

III

Wie ist nun aber aus der „Erie“ Katastrophe, bei der so viele Menschen grauenhaft umkamen, die Geschichte von John Maynard entstanden, in der der Steuermann das einzige Opfer bleibt? Darf man bei so verschiedenem Ausgang überhaupt einen Zusammenhang annehmen, zumal die Helden verschiedene Namen tragen?

Die Antwort hierauf findet sich in der ältesten bekannten literarischen Bearbeitung des Stoffes, die schon wenige Jahre nach dem Unglück erschien: einer anonym veröffentlichten Erzählung unter dem Titel „The Helmsman of Lake Erie“ („Der Steuermann vom Eriesee“). Hier ist ein Unglück dargestellt, dessen Verlauf in vielen Einzelheiten dem Untergang der „Erie“ entspricht; der Steuermann aber heißt jetzt nicht Luther Fuller, sondern John Maynard, und dank seinem Heldenmut kommen außer ihm selbst alle Schiffsinsassen mit dem Leben davon.

„The Helmsman of Lake Erie“ erschien am 12. September 1845 in der Tageszeitung Commercial Advertiser in Buffalo, und am 4. Oktober desselben Jahres mit geringfügigen Änderungen in einer ebenfalls dort herausgegebenen Zeitschrift, dem Western Literary Messenger. Ein

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