Stelle hatten die Maler mit sträflichem Leichtsinn mehrere Korbflaschen voll Terpentin aufgestellt. Die Behälter hatten sich nach und nach stark erhitzt und waren schließlich in die Luft geflogen. Nun schoß die brennende Flüssigkeit in allen Richtungen durch das frisch gefirnisste Schiff, und das Feuer brach sofort durch das Promenadendeck. Der starke Wind tat das Übrige; in wenigen Augenblicken stand die „Erie“ in Rauch und Flammen.

Der Kapitän, Thomas J. Titus, änderte alsbald den Kurs, um auf kürzestem Wege Land zu erreichen. Zahlreiche Frauen drängten sich um Hilfe schreiend auf dem Vorderschiff zusammen; doch schon während der nächsten Minuten verbrannten oder erstickten eine Anzahl von Menschen an Bord. Die übrigen sprangen ins Wasser — vielfach mit brennender Kleidung und ohne Schwimmwesten, da an diese nicht mehr heranzukommen war. Fast alle ertranken. Es waren nicht annähernd genug Rettungsboote vorhanden, angeblich nur drei; eins von diesen konnte nicht mehr heruntergelassen werden, und die beiden andern kenterten. Wie später betont wurde, hätte selbst ein Vorrat einfacher Planken viele Menschenleben retten können, aber auch daran fehlte es. Als gegen zehn endlich ein andres Schiff, die „De Witt Clinton“, das qualmende Wrack der „Erie“ erreichte, konnten nur noch 27 Personen, darunter eine einzige Frau, gerettet werden. Später bargen kleinere Schiffe noch wenige andre Überlebende, die sich an treibenden Holzstücken festgehalten hatten.

Von der Mannschaft kamen einige davon, darunter Kapitän Titus sowie von den drei Steuerleuten die zwei, die zu Beginn des Brandes keinen Dienst hatten, Jerome McBride und James Lafferty. Dagegen fiel der zweite Ingenieur John Allen, bei dem Versuch, die Maschine in Gang zu halten, in die Flammen und kam um. Der diensthabende Steuermann endlich, ein Mann namens Luther Fuller aus der Gegend der Stadt Erie, blieb pflichttreu auf seinem Posten und fand dort seinen Tod.

Fullers Name steht unter vielen anderen in der zweiten Verlustliste der Lokalpresse. Vor der Kommission, die in den folgenden Tagen das Unglück untersuchte, erklärte Kapitän Titus, er selbst wäre als letzter von Bord gegangen, und fuhr dann fort: „Meines Wissens hat Fuller das Steuerrad nicht verlassen, sondern ist dageblieben, bis er zu Tode verbrannte. Er war schon immer ein entschlossener Mann, wenn er Befehle auszuführen hatte.“ Wir kennen Fullers Charakter und sein Ende nur aus diesen dürren Mitteilungen; aber hier liegt wie wir sehen werden, der Kern der Legende von John Maynard 7.

Über die späteren Schicksale der genannten Überlebenden ist rasch berichtet. McBride erlag schon nach wenigen Tagen seinen Brandwunden. Titus kommandierte, wie uns das Adreßbuch von Buffalo unterrichtet, im nächsten Jahr bereits einen andern Dampfer. Lafferty lebte noch viele Jahre, kam nach und nach gänzlich herunter, und verbrachte seinen Lebensabend in Erie, wo er als stadtbekannter Trunkenbold bettelnd mit einer Geige von Kneipe zu Kneipe zog. Am 22. November 1900 starb er, etwa 87 Jahre alt, bei Erie im Kreisarmenhaus (county almshouse)8.

Soweit die nachgewiesenen Tatsachen. Lange Jahre nach der Katastrophe jedoch wurden Angriffe auf Luther Fullers Vermächtnis laut, die bis heute nicht verstummt sind. Den Anlaß hierzu gab ein gewisser Andrew W. Blila, seines Zeichens Zimmermann in Erie. Blila soll im Jahre 1912 .als hochbetagter Mann erklärt haben, Fuller wäre nicht auf dem brennenden Schiff umgekommen, sondern hätte sich im letzten Augenblick gerettet, später unter falschem Namen ein schlimmes Leben geführt, eine

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