In der zweiten, 1875 herausgegebenen Auflage von Fontanes Gedichten (Berlin: Wilhelm Hertz) steht die Ballade noch nicht; sie muß also irgendwann in den dazwischenliegenden Jahren entstanden sein. Ob Fontane sie aber erst 1886 oder schon vorher verfaßt hat und wie er zu dem Stoff gekommen ist, hat er anscheinend nirgends aufgezeichnet4.

Ein aktuelles oder früheres Ereignis, das als direktes Vorbild hätte dienen können, ist nicht nachzuweisen. Die umfangreiche Literatur zur Geschichte des Eriesees und der andern Großen Seen Nordamerikas weiß nichts von einem heldenhaften Steuermann namens Maynard oder einem Schiff, dessen Name sich als „Schwalbe“ übersetzen ließe. Unter den vielen, oft dramatischen oder schauerlichen Schiffsunfällen auf den Seen während des 19. Jahrhunderts ist keins, dessen Verlauf der Handlung in „John Maynard“ entspricht.

Ebenso unergiebig ist die Literatur über Buffalo und seine Umgebung. Nirgends ist ein Vorfall verzeichnet, der mit der Notlandung der „Schwalbe“ auf dem „Strand von Buffalo“ Ähnlichkeit hat; und von einer öffentlichen Trauerkundgebung für einen Seehelden, wie Fontane sie so ergreifend schildert, findet sich kein Wort. Kurz, die „Schwalbe“ ist ein literarisches Gespensterschiff, und Maynards rettende Tat ist in der Form, in der Fontane von ihr erzählt, Legende.

Dennoch ist die Ballade nicht spontan aus der Phantasie des Dichters entsprungen Sie greift vielmehr, mit erheblichen Änderungen, auf ein literarisches Vorbild zurück, das seinerseits auf einem stark umgemodelten wirklichen Ereignis beruht. Wie schon seit längerer Zeit bekannt ist, war die Geschichte von John Maynard in Amerika während des vorigen Jahrhunderts in drei verschiedenen gedruckten Fassungen verbreitet. Nach einer von diesen muß Fontane gearbeitet haben. Die Zusammenhänge der amerikanischen Versionen untereinander sind jedoch fast durchweg mißverstanden worden, und selbst das dahinterstehende historische Geschehnis ist vielfach in geradezu verleumderisch entstellter Form überliefert. Die folgenden Seiten sollen zunächst diese Dinge klären5; danach bleibt festzustellen, welcher Text Fontane vorgelegen hat und wann die Ballade entstanden ist.

II

Am 9. August 1841 nachmittags begann der Raddampfer „Erie“ von Buffalo aus bei steifem Wind eine Fahrt, die zunächst über die ganze Länge des Eriesees nach Detroit, dann durch die St. ClairStraße und zuletzt über die Huron- und Michiganseen nach Chikago führen sollte. Die „Erie“ — mit 497 Tonnen ein stattliches Schiff für die Binnenschiffahrt der Zeit — war erst vier Jahre alt6 und war soeben neu instandgesetzt und angestrichen worden. Diesmal trug sie neben ihrer Besatzung von 30 Mann ein kostbares Rennpferd, sowie einige 200 Passagiere, darunter zahlreiche deutschschweizerische Auswanderer mit ihrem Hab und Gut. Ferner waren mehrere Anstreicher samt ihren Gerätschaften an Bord; sie sollten in der Stadt Erie (Pennsylvania), der ersten Landungsstelle, an einem andern Schiff arbeiten.

Gegen acht Uhr abends, acht Meilen (amerikanische statute miles, im ganzen also etwa 13 km) vor dem Ort Silver Creek im Staat NewYork, hörte man mittschiffs einen dumpfen Knall und einige Sekunden später einen lauten Krach. Wie sich später herausstellte, war das hölzerne Zwischendeck unmittelbar über dem Dampfkessel des Schiffs unverantwortlicherweise nicht isoliert gewesen, und gerade an dieser heißen

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