Was endlich Sprachform und Bildhaftigkeit betrifft, so steht Fontanes Gedicht hoch über seinen Vorgängern. In den lose gefügten Reimpaaren mit ihren unregelmäßigen, oft fast prosaischen Rhythmen, in der wortkargen, zu Rufen und Hilfe- oder Jubelschreien geballten direkten Rede, gewinnt das Ereignis eine Lebendigkeit, wie sie weder Gough mit seiner kindlichen Prosa noch Alger mit seinen hölzernrhetorischen Strophen gelungen ist.

Als der Gedichtband von 1889 erschien, prophezeite Fontane in einem Brief an Hertz: „Alles, was ich geschrieben ... wird sich nicht weit ins nächste Jahrhundert hineinretten; aber von den ,Gedichten' wird manches bleiben und darunter auch einzelnes, das erst diese neue Auflage enthält 24. Die Voraussagung hat sich erfüllt. Noch heute ist Fontanes „John Maynard“ überall, wo deutsch gesprochen wird, lebendiges Volksgut im Gegensatz zu den amerikanischen Fassungen, die in ihrer Heimat verdientermaßen lange vergessen sind25. Fontane war eben kein Moralprediger oder Literaturfabrikant wie seine Vorläufer, sondern ein Dichter.

Anmerkungen

1 Vgl. Hans Rhyn, „Die Balladendichtung Theodor Fontanes ...“, Sprache und Dichtung, Heft 15, S. 169—170 (1914).

2 Das Schicksal der TayBrücke sowie die späteren Enthüllungen über grobe Fahrlässigkeiten bei deren Entwurf, Bau und Instandhaltung sind packend dargestellt von John Prebble in The High Girders (London: Secker & Warburg, 1956), auch erschienen als Disaster at Dundee (New York: Harcourt, Brace & Co., 1957). Daß Max Eyth das Unglück mit veränderten Namen in seiner Erzählung „Berufstragik“, in dem Sammelband Hinter Pflug und Schraubstock (1899),, wiedergegeben hat, ist bekannt.

3 Den Hinweis auf diesen Druck verdanke ich Herrn Dr. HansHeinrich Reuter am Goethe und SchillerArchiv in Weimar. Orthographie und Interpunktion weichen vielfach von der endgültigen Fassung ab, an einigen Stellen auch der Wortlaut: Zeile 5—6 und 60—61 „Er starb für uns, er trägt die Kron', / Er hat uns gerettet, die Liebe sein Lohn“; 11 „Alle Herzen aber“; 12 „Und die Passagiere, Kinder und Frau'n“; 59 „fest in Hand“ (Druckfehler?). Die letzten fünf Zeilen sind hier als besondere Strophe abgesetzt.

4 Die Sammlungen von Fontanes Briefen enthalten keine ausdrücklichen Hinweise; ebensowenig die in Zeitschriften verstreuten Briefabdrucke, soweit ich sie habe prüfen können. Auch aus den Beständen des Theodor-Fontane-Archivs geht laut Mitteilung von Herrn Bibliothekar Joachim Schobess nichts hierüber hervor. Für weitere, ebenfalls negative Auskunft bin ich Herrn Professor Henry H. H. Remak an der Indiana University in Bloomington (Indiana) zu Dank verpflichtet.

5 Die Geschichte der amerikanischen Fassungen ist bibliographisch belegt in meinem Aufsatz „John Maynard of Lake Erie: The Genesis of a Legend“, Niagara Frontier, (Zeitschrift der Buffalo & Erie County Historical Society), Bd. 11, S. 73—86 (1964). Dort sind auch die Texte vollständig abgedruckt und frühere Untersuchungen verzeichnet.

6 Größe und Baujahr der ,,Erie“ in Upper Lakes of North American (New York: J. Disturnell, 1857), S. 186.

7 Die „Erie“-Katastrophe ist oft mehr oder weniger zuverlässig beschrieben worden, auch in deutscher Sprache: Paul Koberstein, „Der Brand

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