Fertigstellung angefangener Balladen die Rede20. Spätestens Ende dieses Jahres war die vergrößerte Ausgabe, in die auch „John Maynard“ aufgenommen worden ist, jedenfalls beschlossen. Am 26. Dezember schrieb Fontane an Hertz, er wäre unausgesetzt tätig für die ihm bewilligte dritte Auflage, im März 1889 begann er die abschließende Arbeit, und am 8. Juni schickte er das fertige Manuskript ein21.

Wir wissen also, daß Fontane innerhalb des Zeitraums, der hier in Frage kommt, wahrscheinlich erst seit 1884 amerikanische Verbindungen gehabt und wahrscheinlich nur im Frühsommer 1885 intensiv an neuen Gedichten gearbeitet hat. Auch ohne positiven Beleg dürfen wir daher als ziemlich sicher annehmen, daß „John Maynard“ aus diesem Sommer stammt.

VII

Fontanes gewaltiges Gedicht als Kunstwerk zu würdigen ist nicht die Aufgabe dieser Untersuchung. Wohl aber müssen wir hier betrachten, mit welchen Mitteln er nach einem so läppischen Vorbild, wie es die Skizze von Gough ist, ein Meisterwerk geschaffen hat.

Was bei Fontanes Ballade im Vergleich mit allen ihren Vorläufern zunächst ins Auge springt, ist das Ende: das ehrenvolle öffentliche Begräbnis des Helden. Von dem Trauerzug der Bürger, dem Glockenlauten in der verstummten Stadt, von blumenbedecktem Grab und Marmorstein findet sich in den amerikanischen Fassungen kein Wort; all das ist von Fontane frei hinzugedichtet. Erst durch diesen Epilog wird die Handlung wirklich abgerundet; und indem Fontane in der abschließenden Grabschrift auf den Anfang des Gedichts zurückgreift, gibt er der Abrundung auch formellen Ausdruck.

Nicht weniger bemerkenswert sind die Mittel, mit denen Fontane die Spannung der Ereignisse aufs Äußerste erhöht hat. An erster Stelle steht hier die Frage nach den „Minuten bis Buffalo“. Bei Gough erkundigen sich die Reisenden einmal nach der Entfernung und Fahrzeit bis zum Lande; später wird das Herannahen des rettenden Ufers erwähnt, und gleich darauf fragt der Kapitän, ob Maynard noch fünf Minuten aushalten könne. Diese verschiedenartigen Motive schmiedet Fontane in einen Refrain zusammen, der das ununterbrochen steigende Tempo der Handlung anschaulich macht: von dem lässigen „Noch dreißig Minuten — Halbe Stund’ “ vor Anbruch des Unheils bis zu dem jubelnden „Und noch zehn Minuten bis Buffalo“, als in höchster Not wieder Hoffnung erscheint 22.

Viel verdankt der straffe Ablauf bei Fontane ferner der Kunst des Weglassens. Die bei Gough erwähnte Inspektion des Schiffsraums, die Ursache des Feuers, die vergeblichen Löschversuche sind als selbstverständlich übergangen; von Rettungsbooten ist gar nicht erst die Rede. Der Alarm, der hervorquellende Rauch, die lichterlohen Flammen — das alles folgt Schlag auf Schlag. Und nicht nur das Tempo wird durch Auslassungen erhöht, sondern auch die Würde des Geschehens. So ist Maynards Ende nicht beschrieben, sondern nur hinterher lakonisch angedeutet, und wirkt gerade dadurch eindringlicher, als die schaurigen Einzelheiten seines Flammentodes es vermocht hätten. „Gerettet alle. Nur einer fehlt!“ Hier hat Fontane seine englisch schreibenden Vorläufer in der bewußt zurückhaltenden Darstellungsweise (understatement), die als eine der Stärken der englischen Stilistik gilt, weit übertroffen23.

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