VI

Welche der drei amerikanischen Fassungen hat nun Fontane als Vorlage gedient? Die anonyme Erzählung von 1845 kann es kaum gewesen sein, schon weil sie in den Jahren, als er seine Ballade verfaßt haben muß — also zwischen 1875 und 1886 — so gut wie verschollen war. Goughs Prosastück und Algers Verse dagegen waren damals, wenigstens in Amerika, beide leicht zugänglich. Zum Glück läßt sich die Quelle mit Sicherheit aus den Texten selbst bestimmen. Wo die Handlung bei Gough in wesentlichen Punkten von der bei Alger abweicht, folgt Fontane stets eindeutig Gough. Nur bei diesem erscheint Maynard schon am Anfang wie bei Fontane; nur hier geht die Reise auf Buffalo zu; nur hier ist Detroit überhaupt genannt; nur hier bricht das Feuer gerade vor Ende der Fahrt aus; nur hier erkundigen sich die Reisenden ausdrücklich nach der Entfernung und Fahrzeit bis zum Ufer; und nur hier spricht der Kapitän mit dem rauchumhüllten Maynard durch ein Sprachrohr.

Schwieriger ist die Frage, wann und wo Fontane den Stoff gefunden hat. Es ist nicht ausgeschlossen, daß eine amerikanische oder englische Zeitung die Skizze von Gough abgedruckt hat, und daß Fontane, der ja häufig ausländische Blätter las, dort darauf gestoßen ist. Gegen diese Möglichkeit spricht jedoch, wenn auch nicht entscheidend, daß seine Sammlung von Zeitungsausschnitten (jetzt im Theodor-Fontane-Archiv) nichts derartiges enthält.

Wahrscheinlicher ist, daß Fontane einen der nachweisbaren Drucke in einer Sammlung volkstümlicher Vortragsstücke vor sich gehabt hat. Bücher und Hefte dieser Art dürften in deutschen Buchhandlungen und Bibliotheken kaum vorhanden gewesen sein; eher ist ihm das Stück wohl persönlich übermittelt worden. Wir müssen also seine Briefe sowie das seit 1884 erhaltene, von Ernst Heilborn herausgegebene Tagebuch auf Beziehungen zu Amerika und Amerikanern prüfen.

Von 1875 bis 1883 scheint Fontane weder über die Vereinigten Staaten nachgelesen noch Verbindungen dorthin unterhalten zu haben. Dann aber beginnt eine Reihe von Berührungen. Während des Jahres 1884 war seine Tochter Martha (Mete) Gesellschafterin einer gewissen Mrs. Dooly aus San Francisco, und hieraus entwickelte sich im Januar und Februar eine vorübergehend ziemlich enge Freundschaft mit der ganzen Familie Fontane. Vom 29. Februar bis zum 8. Juli reiste Martha mit Mrs. Dooly in Italien und erwog sogar, mit ihr nach San Francisco überzusiedeln. Aber diese Pläne zerschlugen sich bald; am 28. August trennte sich Martha von Mrs. Dooly, und die Familienbekanntschaft fand ein Ende14.

Schon im nächsten Jahr hatte Fontane wieder Anlaß, sich über amerikanische Verhältnisse zu informieren. Auf einem Sommeraufenthalt in Krummhübel entwarf er den Roman Quitt, dessen zweite Hälfte in einer Mennonitenkolonie in Kansas spielt. Fontane verdankte seine Kenntnisse über derartige Siedlungen wahrscheinlich einem soeben erschienenen Reisebuch, Aus der Neuen Welt, von dem ihm persönlich gut bekannten Paul Lindau, das er auch rezensiert hat15. Zugleich lernte er durch seinen Freund Georg Friedlaender in Schmiedeberg den Rohmetallkaufmann Theodor Grosser kennen. Grosser, Besitzer einer Sommervilla in dem nahen Dorf Hohenwiese, muß in seiner Geschäftsbranche enge Beziehungen zu den Vereinigten Staaten unterhalten haben; mindestens trug er bei Friedlaender den Spitznamen „Der Pseudo-Amerikaner“ (oder

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