FONTANE
BLÄTTER


Heft 2
1965



GEORGE SALOMON*


„Wer ist John Maynard?“


Fontanes tapferer Steuermann und sein amerikanisches Vorbild.

I

Unter den Balladen aus Fontanes späteren Jahren gehören zwei der beliebtesten in Inhalt und Form eng zusammen: „Die Brück’ am Tay“ und „John Maynard“. Beide handeln von Katastrophen moderner Technik: die eine vom Einsturz einer Eisenbahnbrücke, die andre vom Brand eines Dampfschiffs. Beide sind in den lockersten Reimpaaren gefaßt und doch straff in der Darstellung. In beiden dient ein Gespräch als Prolog und ein Echo davon als Epilog 1.

Zu der „Brück’ am Tay“ ist Fontane durch einen aktuellen Vorfall angeregt worden. In einem wilden Sturm am 28. Dezember 1879 abends stürzte bei Dundee in Schottland die Hochbrücke der North British Railway in den Firth of Tay, samt einem Personenzug, von dessen 75 Insassen nicht einer gerettet wurde2. Die Vernichtung der Brücke, die erst im vorhergehenden Jahr eröffnet und als eins der kühnsten Bauwerke der Zeit gefeiert worden war, erregte weites Aufsehen. Fontane ging sofort daran, den Stoff zu bearbeiten; schon am 10. Januar 1880 erschien sein Gedicht in der Wochenschrift „Die Gegenwart“.

Viel weniger klar liegen die Dinge bei dem Gegenstück „John Maynard“, der Ballade von dem tapferen Steuermann, der auf dem Eriesee vor Buffalo das brennende Schiff „Schwalbe“ samt Mannschaft und Passagieren im letzten Augenblick an den Strand bringt und dabei selbst das einzige Opfer wird. „John Maynard“ ist 1886 in dem Sammelband Berliner Bunte Mappe: Originalbeiträge Berliner Künstler und Schriftsteller (Münchener Verlagsanstalt für Kunst und Wissenschaft), S. 22, erschienen3.
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* New York (USA)

25

The original page numbers are preserved, pp. 25 - 39.

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